• Galerie für Gegenwartskunst
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Fotograf: Christian Bouyjou | Nadia Lichtig, Ghosttrap (he was really perfect), 2007, print on Fuji paper, edition of 5, 40x50 cm, courtesy of the artist.

Nachtstücke

Von Verdrängtem, der Nacht und der Farbe Schwarz

So 25.02. | 14:00 Uhr

Nadia Lichtig | Jaki Irvine |Theo Eshetu | Elisabeth Bereznicki

Kuratiert von Heidi Brunnschweiler

Neu im Programm: Sonntags 16 – 17 Uhr
Führung durch die Ausstellung | Treffpunkt Galerie 1
>> Termine:
So, 18.02., 25.02., 4.03., 11.03., 18.03., 25.03.2018

Ausstellung/ Exhibition: Fr, 16. Februar – So, 25. März 2018

Nachtstücke ist der Titel von E. T. A. Hoffmanns berühmtem Erzählzyklus aus den Jahren 1816/17 mit Geschichten zu unheildrohenden und verdrängten Seiten des Lebens. In der Kunstgeschichte bezeichnet der Begriff bildliche Darstellungen nächtlicher Szenen. Nocturnes als von der Nacht inspirierte Kompositionen werden im 19. Jahrhundert kultiviert. Die Ausstellung Nachtstücke stellt Arbeiten der Gegenwartskunst ins Zentrum, die dunkle und unterdrückte Ereignisse erkunden, die schliesslich ans Licht gekommen sind. Es geht um die künstlerische Auseinandersetzung mit kollektiver Erinnerung an Kolonialismus und militanten Nationalismus und mit traumatischen persönlichen Erfahrungen. Durch ein vielfältiges Wechselspiel zwischen Bild, Ton und Text kommt es zur Überlagerung von Geschichtsschichten, in denen sich Wissen, Emotion und Nachdenken verbinden.

In der Serie Ghosttrap, 2007/ 2018, setzt sich Nadia Lichtig mit Sigmund Freuds Vorstellung des Unheimlichen auseinander. Mittels Bild und Text erkundet sie traumatische Erfahrungen, die gewöhnlich unterdrückt bleiben, jedoch in entstellten Darstellungen und unzuverlässigen Erzählungen ins Bewusstsein treten. Die Künstlerin sammelt dazu seit 2007 Berichte gewöhnlicher Menschen, die von Angst und Terror erzählen. Diese transkribiert sie in rhythmische Prosa und druckt sie mit fluoreszierender Tinte aus. In der Ausstellung leuchten die Texte wie Botschaften aus dem Unterbewusstsein. Ihnen sind fotografische Nachtaufnahmen in und um Berlin zugeordnet, die in direkter oder indirekter Verbindung mit den Erzählungen stehen oder auch nicht. Durch die lose Zuordnung von Text und Bild zeigen sich die Übergänge von imaginierter und tatsächlicher Erinnerung als fliessend.

Um zwei Ereignisse der irischen Geschichte geht es in Jaki Irvines Installation If the Ground Should Open, 2016. Diese werden in einer kontrastreichen Klanglandschaft aufeinander bezogen und auf ihre heutige Bedeutung befragt. Mittels Audioporträts von elf Frauen erinnert die Künstlerin an den Aufstand der irischen Nationalistinnen von 1916. Sie sind bisher in keinem Geschichtsbuch aufgeführt, da irische Nationalgeschichte weitgehend männlich bestimmt ist. 2014 schrieb Irvine den Roman „Days of Surrender“, um die Absenz zu adressieren.
Aus den Namen dieser Frauen komponiert Irvine je eine Serie von Melodien. Diese Grundmotive („grounds“) werden mit zusätzlichen Tönen und weiteren Melodien zu einer komplexen Tonschöpfung ausgebaut. Irvine verwendet dazu das „canntaireachd-System,“ das bei Stücken für Schottische Hochland-Dudelsackpfeife gebräuchlich ist. Die elf Spuren für neun Musikerinnen sind über neun Lautsprecher im Raum präsent. Auf den Monitoren sind die spielenden Musikerinnen zu sehen, die die Komposition mit ihrer Musikalität, ihrem musikalischen Wissen und ihrer Grosszügigkeit interpretieren.
Kontrastiert wird diese Klanglandschaft durch Fragmente aus den sogenannten „Irish Bank Tapes“ von 2008 singt. Es handelt sich um Aufnahmen interner Gespräche von Managern der Anglo-Irischen Bank im Zusammenhang mit der globalen Bankenkrise. Die Manager diskutieren, wie sie den irischen Staat zu Bankgarantien überreden könnten, um die Kosten für ihr selbstverschuldetes Missmanagement abzudecken. Einige sind später dafür wegen Betrug verurteilt worden.

Das zynische Zeugnis aus dem Kontext der europäischen Bankenkrise von 2008 kontrastiert in Irvines Installation als männlich eigennützige Geste mit der bewusstseinserweiternden Dudelsack-Komposition, die an die mutigen Frauen erinnert. Die Arbeit verdeutlicht so die Notwendigkeit von moralisch integren gemeinschaftlichen Zielen in einer egoistischen, kapitalistischen Welt. Irvines Klanginstallation setzt sich aus einer Vielzahl sich überlagernder Melodien und Stimmen zusammen. Abhängig vom eigenen Standpunkt, ergeben sich abweichende Perspektiven auf die Geschichte.

Mittels Zeit, Bewegung und Licht, den grundlegenden Elementen des Videos, erschafft Theo Eshetu in der Arbeit The Slave Ship, 2015, ein nachdenkliches ozeanisches Epos, das an die Geschichte der Sklaverei erinnert. Der Titel verweist auf J. M. William Turners gleichnamiges Gemälde von 1840 mit dem Sklavenschiff Zong im Sturm auf dem Meer. Darauf sieht man, wie der Kapitän versklavte Männer und Frauen über Bord wirft, um Versicherungsprämien zu kassieren. Das Video wird durch ein luken- oder teleskopartiges Fenster in einem pechschwarzen Gehäuse gezeigt. Dort erscheint – durch Spiegelungen erzeugt – eine leuchtende Kugel, die dem Globus gleicht. Man sieht abgefilmte alte Seekarten, bewegte Unterwasserlandschaften und Bilder von Flussfahrten und Meeresströmungen. Sie werden zu kaleidoskopartigen Mustern verdoppelt. Der Eindruck, sich auf einer Reise in die Tiefe ozeanischer Erinnerungen zu befinden, wird durch die Tonspur verstärkt. Barocke Musik und sphärische Summklänge, die an afrikanische Gesänge erinnern, rufen Mythen aus Vergangenheit und Gegenwart wach.

Theo Eshetu spielt mit der Vorstellung von Drexciya, der Unterwasserstadt, die von afrikanischen Sklaven gegründet wurde, die auf der Durchfahrt durch die Mittlere Passage im Atlantik über Bord geworfen wurden. Auch inspirierte den Künstler die Erzählung vom Fliegenden Holländer und seinem Geisterschiff, das verdammt ist, bis in alle Ewigkeit mit einer gespenstischen Mannschaft toter Männer über das Meer segeln. Beide Referenzen deuten an, dass die Geister der ertrunkenen versklavten Männer und Frauen in den Gewässern der europäischen Häfen immer noch herumirren.

Das Filmmaterial für das Video hat Theo Eshetu in Hamburg gedreht, wo die schwedische Afrika-Gesellschaft ab 1649 mit Sklaven, Gold, Elfenbein und Zucker aus São Tomé, Westafrika, handelte. Eshetu benutzt die Metapher der Ozeane, um das historische Vermächtnis des Handels aus dem Süden in den Norden zu untersuchen. Gleichzeitig geht es ihm um die Aktualität dieses Erbes für den gegenwärtigen globalen Warenhandel und die Migration über das Meer.

Elisabeth Bereznicki stellt gefundene Designobjekte zu surrealen Assemblagen zusammen. Mittels schwarzer Lacksprayschicht werden sie verfremdet und in ihrer Zusammenstellung neue Einheiten betont. Tassen, Bistrotische, Serviertablette bilden mit geteilten Schaufensterpuppen und von ihnen abgetrennten Händen und Köpfen eigenartige Figurationen. Sie könnten der Traumwelt, dem Unterbewussten und dem Wahn entflohen sein.

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Veranstaltungen zur Ausstellung:

Vernissage Do, 15.02.2018 | Beginn 19.00 Uhr Foyer, Galerie 1 & 2, E-Werk

Anschließend Artist Talk mit Künstlerin Jaki Irvine
19.30 Uhr, Kammertheater

Do, 15. März 2018 | 19.30 Uhr, Vortrag: The Sound of Memory, Rahma Khazam, Kunsthistorikerin Paris & performative Lesung, Ghosttrap mit Nadia Lichtig (Künstlerin Montpellier), Kammertheater

So, 25. März 2018 | Finissage 17.00 Uhr: Werkpräsentation mit Theo Eshetu (Künstler Berlin), Kammertheater

>> NEU! Sonntags 16 –17 Uhr | Führung durch die Ausstellung, Treffpunkt Galerie 1
Termine:
So, 18.02., 25.02., 4.03., 11.03., 18.03., 25.03.2018

Eintritt frei

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ÖFFNUNGSZEITEN GALERIE 1 & 2 Do & Fr 17 h – 20 h | Sa 14 h – 20 h | So 14 h – 18 h

[EN]

Exhibition: Fri 16 February – Sun 25 March 2018

NEW! Guided Exhibition Tour on every Sunday | 4 -5 pm, Meeting Point Gallery 1
Tour Dates:
Sun, 18.02., 25.02., 4.03., 11.03., 18.03., 25.03.2018

Thu 15 February 2018 | Opening Exhibitiob
7 pm: Reception, Foyer E-WERK
7.30 pm: Artist’s Talk with Jaki Irvine, Kammertheater

Thu 15 March 2018, 7.30 pm | Talk: The Sound of Memory in Contemporary Art, Rahma Khazam, Art Historian Paris & Perfomative Lecture „Ghosttrap“ by Nadia Lichtig, Artist Montpellier,
Kammertheater.

Sun 25 March 2018 | 5 pm Finissage: Artist’s work presentation with Theo Eshetu, Artist Berlin, Kammertheater.

Nachtstücke is the title of E.T. A. Hoffmann’s famous cycle of narration from the years 1816/17 with stories about ominous and repressed sides of life. In art history, the term refers to pictorial representations of nocturnal scenes. Nocturnes as night-inspired compositions are cultivated in the 19th century. The exhibition Nachtstücke places works of contemporary art at the center that explore dark and repressed events that have finally come to light. It is about the artistic confrontation with collective memories of colonialism and militant nationalism and with traumatic personal experiences. Through a varied interplay between image, sound and text, layers of history overlap, combining knowledge, emotion and reflection.

In the series Ghosttrap, 2007/ 2018, Nadia Lichtig deals with Sigmund Freud’s idea of the uncanny. Using images and texts, she explores traumatic experiences that usually remain suppressed, but which come to consciousness in distorted depictions and unreliable narratives. The artist has collected since 2007 reports of ordinary people who tell of fear and terror. She transcribes them into rhythmic prose and prints them out with fluorescent ink. In the exhibition, the texts shine like messages from the subconscious. They are assigned to photographic night shots, taken in and around Berlin, which are in direct or indirect connection with the stories or not. Through the loose association of text and image, the transitions between imagined and actual memory become fluid.

Two events in Irish history are part of Jaki Irvine’s installation If the Ground Should Open, 2016. They are interrelated in a contrasting soundscape and interrogated for their significance today. Using audio portraits of eleven women, the artist recalls the uprising of the Irish nationalists of 1916. These courageous women are not listed in any history book, as Irish national history is largely male. In 2014, Irvine wrote the novel ‘Days of Surrender’ to adress this absence.
From the names of these women Irvine composes a series of melodies. These basic motifs („grounds“) are expanded with additional tones and other melodies into a complex sound creation. Irvine uses the „canntaireachd system“, which is in use for pieces for Scottish Highland bagpipe. The eleven tracks for nine musicians are present in the room via nine loudspeakers. On the monitors you can see the playing musicians, who interpret the composition with their musicality, their musical knowledge and their generosity.

This soundscape is contrasted by fragments from the so-called „Irish Bank Tapes“ of 2008. These are recordings of internal conversations by Anglo-Irish bank managers in connection with the global banking crisis. Managers discuss how they could persuade the Irish state to provide bank guarantees to cover the cost of their self-inflicted mismanagement. Some of these were later sentenced to fraud. The cynical witness from the context of the European banking crisis of 2008 contrasts in Irvine’s installation as a male self-serving gesture with the mind-expanding bagpipe composition reminiscent of the courageous women. The work thus clarifies the need for morally sound common goals in a selfish, capitalist world. Irvine’s sound installation is composed of a multitude of overlapping melodies and voices. Depending on your own point of view, divergent perspectives on history arise.

By means of the basic elements of the video time, movement and light, Theo Eshetu creates in the work The Slave Ship, 2015 a thoughtful oceanic epic reminiscent of the history of slavery. The title refers to J. M. William Turner’s painting of the same name from 1840 with the slave ship Zong in the storm on the sea. You can see how the captain throws enslaved men and women overboard to collect insurance premiums. The video is shown through a hatch or telescope window in a pitch black case. In there, created by reflections, appears a luminous sphere resembling the globe. You can see filmed old nautical charts, moving underwater landscapes and pictures of river rides and ocean currents. They are doubled to kaleidoscopic patterns. The impression of being on a journey into the depths of oceanic memories is reinforced by the soundtrack. Baroque music and spherical hymns reminiscent of African songs evoke myths of past and present.

Theo Eshetu plays with the notion of Drexciya, the underwater city founded by African slaves thrown overboard in transit through the Middle Passage in the Atlantic. Moreover, the artist is inspired by the tale of the Flying Dutchman and his ghost ship, which is damned sailing the sea for eternity with a spooky crew of dead men. Both references suggest that the spirits of drowned enslaved men and women are still wandering in the waters of European ports. Theo Eshetu shot the footage for the video in Hamburg, where from 1649 the Swedish African Society traded slaves, gold, ivory and sugar from São Tomé, West Africa. Eshetu uses the metaphor of the oceans to examine the historical legacy of trade from the south to the north. The arist is concerned with the importance of this heritage for the current global merchandise trade and migration of people across the sea today.

Elisabeth Bereznicki assembles found design objects into surreal assemblages. They are alienated by means of a black paint spray layers and their composition emphasized new units. Cups, bistro tables and serving tablets make odd figurations with split mannequins and their hands and heads. They could have fled the dream world, the unconscious and the delusion.

free entry!

Opening Hours Gallery 1 & 2 Thu & Fri 17 h – 20 h | Sat 14 h – 20 h | Sun 14 h – 18 h