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Fotograf: Christian Bouyjou | Nadia Lichtig, Ghosttrap (he was really perfect), 2007, print on Fuji paper, edition of 5, 40x50 cm, courtesy of the artist.

Nachtstücke

Von Verdrängtem, der Nacht und der Farbe Schwarz

Sa 10.03. | 14:00 Uhr

Nadia Lichtig | Jaki Irvine |Theo Eshetu | Elisabeth Bereznicki
Kuratiert von Heidi Brunnschweiler

Ausstellung/ Exhibition: Fr, 16. Februar – So, 25. März 2018

Nachtstücke ist der Titel von E. T. A. Hoffmanns berühmtem Erzählzyklus aus den Jahren 1816/17 mit Geschichten zu unheildrohenden und verdrängten Seiten des Lebens. In der Kunstgeschichte bezeichnet der Begriff bildliche Darstellungen nächtlicher Szenen. Nocturnes als von der Nacht inspirierte Kompositionen werden im 19. Jahrhundert kultiviert. Die Ausstellung Nachtstücke stellt Arbeiten der Gegenwartskunst ins Zentrum, die dunkle und unterdrückte Ereignisse erkunden, die schliesslich ans Licht gekommen sind. Es geht um die künstlerische Auseinandersetzung mit kollektiver Erinnerung an Kolonialismus und militanten Nationalismus und mit traumatischen persönlichen Erfahrungen. Durch ein vielfältiges Wechselspiel zwischen Bild, Ton und Text kommt es zur Überlagerung von Geschichtsschichten, in denen sich Wissen, Emotion und Nachdenken verbinden.

In der Serie Ghosttrap, 2018, setzt sich Nadia Lichtig mit Sigmund Freuds Vorstellung des Unheimlichen auseinander. Mittels Bild und Text erkundet sie traumatische Erfahrungen, die gewöhnlich unterdrückt bleiben, jedoch in entstellten Darstellungen und unzuverlässigen Erzählungen ins Bewusstsein treten. Die Künstlerin sammelt dazu seit 2007 Berichte gewöhnlicher Menschen, die von Angst und Terror erzählen. Diese transkribiert sie in rhythmische Prosa und druckt sie mit fluoreszierender Tinte aus. In der Ausstellung leuchten die Texte wie Botschaften aus dem Unterbewusstsein. Ihnen sind fotografische Nachtaufnahmen in und um Berlin zugeordnet, die in direkter oder indirekter Verbindung mit den Erzählungen stehen oder auch nicht. Durch die lose Zuordnung von Text und Bild zeigen sich die Übergänge von imaginierter und tatsächlicher Erinnerung als fliessend.

Um zwei Ereignisse der irischen Geschichte geht es in Jaki Irvines Installation If the Ground Should Open, 2016. Diese werden in einer kontrastreichen Klanglandschaft aufeinander bezogen und auf ihre heutige Bedeutung befragt. Mittels Audioporträts von elf Frauen erinnert die Künstlerin an den Aufstand der irischen Nationalistinnen von 1916. Sie sind bisher in keinem Geschichtsbuch aufgeführt, da irische Nationalgeschichte weitgehend männlich bestimmt ist. 2014 schrieb Irvine den Roman „Days of Surrender“, um die Absenz zu adressieren.
Aus den Namen dieser Frauen komponiert Irvine je eine Serie von Melodien. Diese Grundmotive („grounds“) werden mit zusätzlichen Tönen und weiteren Melodien zu einer komplexen Tonschöpfung ausgebaut. Irvine verwendet dazu das „canntaireachd-System,“ das bei Stücken für Schottische Hochland-Dudelsackpfeife gebräuchlich ist. Die elf Spuren für neun Musikerinnen sind über neun Lautsprecher im Raum präsent. Auf den Monitoren sind die spielenden Musikerinnen zu sehen, die die Komposition mit ihrer Musikalität, ihrem musikalischen Wissen und ihrer Grosszügigkeit interpretieren.
Kontrastiert wird diese Klanglandschaft durch Fragmente aus den sogenannten „Irish Bank Tapes“ von 2008 singt. Es handelt sich um Aufnahmen interner Gespräche von Managern der Anglo-Irischen Bank im Zusammenhang mit der globalen Bankenkrise. Die Manager diskutieren, wie sie den irischen Staat zu Bankgarantien überreden könnten, um die Kosten für ihr selbstverschuldetes Missmanagement abzudecken. Einige sind später dafür wegen Betrug verurteilt worden.

Das zynische Zeugnis aus dem Kontext der europäischen Bankenkrise von 2008 kontrastiert in Irvines Installation als männlich eigennützige Geste mit der bewusstseinserweiternden Dudelsack-Komposition, die an die mutigen Frauen erinnert. Die Arbeit verdeutlicht so die Notwendigkeit von moralisch integren gemeinschaftlichen Zielen in einer egoistischen, kapitalistischen Welt. Irvines Klanginstallation setzt sich aus einer Vielzahl sich überlagernder Melodien und Stimmen zusammen. Abhängig vom eigenen Standpunkt, ergeben sich abweichende Perspektiven auf die Geschichte.

Mittels Zeit, Bewegung und Licht, den grundlegenden Elementen des Videos, erschafft Theo Eshetu in der Arbeit The Slave Ship, 2015, ein nachdenkliches ozeanisches Epos, das an die Geschichte der Sklaverei erinnert. Der Titel verweist auf J. M. William Turners gleichnamiges Gemälde von 1840 mit dem Sklavenschiff Zong im Sturm auf dem Meer. Darauf sieht man, wie der Kapitän versklavte Männer und Frauen über Bord wirft, um Versicherungsprämien zu kassieren. Das Video wird durch ein luken- oder teleskopartiges Fenster in einem pechschwarzen Gehäuse gezeigt. Dort erscheint – durch Spiegelungen erzeugt – eine leuchtende Kugel, die dem Globus gleicht. Man sieht abgefilmte alte Seekarten, bewegte Unterwasserlandschaften und Bilder von Flussfahrten und Meeresströmungen. Sie werden zu kaleidoskopartigen Mustern verdoppelt. Der Eindruck, sich auf einer Reise in die Tiefe ozeanischer Erinnerungen zu befinden, wird durch die Tonspur verstärkt. Barocke Musik und sphärische Summklänge, die an afrikanische Gesänge erinnern, rufen Mythen aus Vergangenheit und Gegenwart wach.

Theo Eshetu spielt mit der Vorstellung von Drexciya, der Unterwasserstadt, die von afrikanischen Sklaven gegründet wurde, die auf der Durchfahrt durch die Mittlere Passage im Atlantik über Bord geworfen wurden. Auch inspirierte den Künstler die Erzählung vom Fliegenden Holländer und seinem Geisterschiff, das verdammt ist, bis in alle Ewigkeit mit einer gespenstischen Mannschaft toter Männer über das Meer segeln. Beide Referenzen deuten an, dass die Geister der ertrunkenen versklavten Männer und Frauen in den Gewässern der europäischen Häfen immer noch herumirren.

Das Filmmaterial für das Video hat Theo Eshetu in Hamburg gedreht, wo die schwedische Afrika-Gesellschaft ab 1649 mit Sklaven, Gold, Elfenbein und Zucker aus São Tomé, Westafrika, handelte. Eshetu benutzt die Metapher der Ozeane, um das historische Vermächtnis des Handels aus dem Süden in den Norden zu untersuchen. Gleichzeitig geht es ihm um die Aktualität dieses Erbes für den gegenwärtigen globalen Warenhandel und die Migration über das Meer.

Elisabeth Bereznicki stellt gefundene Designobjekte zu surrealen Assemblagen zusammen. Mittels schwarzer Lacksprayschicht werden sie verfremdet und in ihrer Zusammenstellung neue Einheiten betont. Tassen, Bistrotische, Serviertablette bilden mit geteilten Schaufensterpuppen und von ihnen abgetrennten Händen und Köpfen eigenartige Figurationen. Sie könnten der Traumwelt, dem Unterbewussten und dem Wahn entflohen sein.

Veranstaltungen zur Ausstellung:

Vernissage Do, 15.02.2018 | Beginn 19.00 Uhr Foyer, Galerie 1 & 2, E-Werk

Anschließend Artist Talk mit Jaki Irvine
19.30 Uhr, Kammertheater

Do, 15. März 2018 | 19.30 Uhr, Vortrag: The Sound of, Rahma Khazam, Kunsthistorikerin Paris und performative Lesung, Ghosttrap mit Nadia Lichtig (Künstlerin Montpellier), Kammertheater

So, 25. März 2018 Finissage 17.30 Uhr, Werkpräsentation mit Theo Eshetu (Künstler Berlin), Kammertheater

>> NEU! Sonntags 16 –17 Uhr, Führung durch die Ausstellung, Treffpunkt Galerie I
Termine:
So, 18.02., 25.02., 4.03., 11.03., 18.03., 25.03.2018

Eintritt frei

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ÖFFNUNGSZEITEN GALERIE 1 & 2 Do & Fr 17 h – 20 h | Sa 14 h – 20 h | So 14 h – 18 h